VOM GENUSSVOLLEN
UMGANG MIT WEIN
Wolfgang Zähringer

Der Duft - die Seele des Weines

Der Duft ist der erste intime Kontakt den wir mit einem Wein aufnehmen. Er schafft uns den ersten Eindruck, entscheidet bereits sehr wesentlich über Sympathie oder Antipathie. Und die subjektive Entscheidung, ob ich einen Wein "gut riechen kann" oder nicht, wird stark von unserem Unterbewusstsein beeinflusst.

J. Allende schreibt vom Duft: "die Gerüche sind Geister mit Eigenleben, Phantome, die ungerufen erscheinen um ein Fenster in der Erinnerung zu öffnen und uns durch die Zeit zu einer vergessenen Begebenheit zu führen."

In unserer Zeit werden immer mehr Bereiche des täglichen Lebens von ausgeklügelter Technik und vom Computer geregelt. Da ist es geradezu ein Glück, dass Wein mit so einfachen Mitteln wie unserer eigenen Nase und Zunge zu erkennen, begreifen und genießen ist.

Der Geruchssinn erfasst nur solche Stoffe, die klein genug sind, um aus dem Wein "verduften" und über die Atemluft in die Nase gelangen zu können. Dort beweist sich der Geruchssinn als wahrer Universalist, denn er kann bis zu 4000 einzelne Geruchsnoten erkennen und voneinander unterscheiden.

Die Natur hat dem Geruchssinn sehr viel Raum in unserem Erbgut zugeteilt, um die gesamte geruchliche Vielfalt der Natur entschlüsseln zu können. Der Geruch ist in doppeltem Sinne spannend:

1. das Aroma eines Weines ist im Grunde ein vollkommen gegenstandsloses, ungreifbares, flüchtiges Phänomen, das sich nicht einfach messen oder festhalten lässt, wie z.B. eine Photographie. Man schätzt ca. 800 verschiedene Aromastoffe, die in Wein vorkommen können. Aber sie liegen in ganz unterschiedlicher Zusammensetzung und Konzentrationen im Wein vor.

Daher hat jeder Wein seinen eigenen Duft. Aber selbst dieser entwickelt und verändert sich im Wein, z.B. nach Öffnen der Flasche, oder insbesondere durchs Dekantieren durch den Sauerstoffkontakt; verändert sich im Glas, wenn der Wein sich langsam erwärmt.

Wir bekommen immer nur einen Ausschnitt der gesamten Komplexität des lebendigen Lebensmittels Wein.

2. Der Geruchssinn des Menschen unterscheidet sich von den anderen Sinnen grundlegend, und das hat etwas mit der Entwicklungsgeschichte der Menschen zu tun. Die Fähigkeit, Gerüche wahrzunehmen , hat sich sehr früh in der Evolution entwickelt und ist daher in einem alten Teil unseres Gehirns, dem Stammhirn, beheimatet.

Demgegenüber entwickelte sich unser Sprachvermögen sehr spät und wird von dem jüngsten Teil des Gehirns, der Großhirnrinde, gesteuert. Aus diesem Grund gibt es wenig Verbindung zwischen dem Geruchs- und dem Sprachzentrum. So fällt es uns Menschen schwer, das, was wir riechen , mit Wörtern treffend zu beschreiben; die Neurologen sprechen folgerichtig von der Sprachpanne des Geruchs.

Um diese "Sprachlosigkeit" zu überwinden, können wir vor allem auf bekannte Gerüche aus der Natur zurückgreifen. Entsprechende kleine "Wörterbücher" (siehe unten!) können uns dabei helfen.

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